Schlitz, Vorderburg

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Infobox
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Entstehungszeit: 14. Jh. Bergfried,
15. Jh. Südwestflügel (Kern)
Baumaßnahme: um 1565 An- und Ausbau Nordostflügel und Südwestflügel,
um 1600 Erneuerung und Giebel,
18. Jh. Treppenhaus,
um 1920 Verlegung des Eingangs
Bauherr: Herren von Schlitz-Görtz,
Eustachius von Schlitz-Görtz
Eigentümer: Stadt Schlitz
Ort: Schlitz
Kreis: Vogelsbergkreis
Markierung
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Inhaltsverzeichnis

Bezeichnung, Eigentümer, Kreis

Stadt Schlitz. Heimatmuseum und Festsaal. Vogelsbergkreis.

Bauherr, Grunddaten, Zustand

Herren von Schlitz-Görtz, Bergfried 14. Jh. Südwestflügel im Kern 15. Jh. Nordostflügel und Südwestflügel um 1565 angefügt beziehungsweise ausgebaut. Bauherr Eustachius von Schlitz-Görtz. Erneuerung und Giebel um 1600. Treppenhaus 18. Jh., Verlegung des Eingangs um 1920.

Geschichte

1116 werden erstmals die Herren von Schlitz erwähnt, die seit 1408 auch von Görtz genannt werden. Sie haben Schlitz von Fulda zu Lehen, nachgewiesen seit 1490, und wirkten als Erbmarschälle des Stiftes Fulda. 1632 schenkt Gustav Adolf Schlitz den Landgrafen von Hessen-Kassel, die Lehnsherrschaft von Fulda währt bis 1803. Die Herren von Schlitz-Görtz wurden 1726 in den Reichsgrafenstand erhoben.

Baugeschichtliche Bedeutung

Stumpfwinklige Zweiflügelanlage aus Südwest- (hofseits links) und Nordostflügel (hofseits rechts) zu beiden Seiten eines quadratischen Turmes, des ehemaligen Bergfrieds. Das Schloss ist ein dreigeschossiger Bruchsteinbau mit Eckquaderung und Werksteinteilen (Fenster, Portale), verputzt. Der Nordostflügel umschließt den mittelalterlichen viereckigen Bergfried, der mit seiner hinteren Spitze aber auch in den Südwestflügel einschneidet. Tatsächlich ist der Südwestflügel der größere Baukörper; er reicht bis zur nördlichen Traufe und endet hier mit einem breiten Giebel, der wie ein großer Zwerchgiebel wirkt. Auf dem Südwestflügel befindet sich südlich und – wie erwähnt – nördlich, sowie auf dem Nordostflügel östlich je ein dreigeschossiger Giebel; auf dem Nordostflügel nördlich noch ein Zwerchgiebel.

Der Südwestflügel hat zum Hof hin drei Fensterachsen mit gekuppelten Fenstern, die Fenster sind mit Falz und Karnies profiliert. Die Giebelseite hat zwei Fensterachsen, die Talfront vier, dort sind die beiden mittleren Achsen eng zusammengerückt. Die nördliche Giebelseite ist im Mauerwerk durch eine Baunaht vom Nordostflügel abgesetzt. Diese Giebelseite hat vier Fensterachsen in unregelmäßiger Abfolge, in der Mitte befindet sich eine Achse aus einteiligen Fenstern, links davon zwei, rechts davon eine Achse aus gekuppelten Fenstern. Über einem vorspringenden Karniesgesims setzen die Giebel an, beide mit etwa gleicher Gestaltung, auch die Giebelgeschosse werden von Gesimsen getrennt. In gleicher Flucht schließt sich die nördliche Traufe des Nordostflügels an (s. u.). Der Südgiebel setzt im unteren Geschoss die beiden Fensterachsen fort, seitlich werden die Fenster von je einem rustizierten Pilaster gerahmt. Giebelkante mit einer durch eine Waagerechte unterbrochenen S-Volute, auf dem waagerechten Stück steht ein Obelisk. Der Nordgiebel unterscheidet sich dadurch, dass die rechte Fensterachse und damit auch der Pilaster nach rechts bis eng an die Giebelkante verschoben sind. Im mittleren Giebelgeschoss ein gekuppeltes Fenster, von zwei rustizierten Pilastern gerahmt. Seitlich S-Voluten mit Obelisken. Im oberen Giebelgeschoss rustiziertes Rundfenster, C-Voluten und Obelisken. Halbkreisaufsatz mit Rosette und drei Obelisken. Auf der Hofseite gibt es ein aufwendig eingefasstes, nachträgliches Kellerfenster. Es hat einen rundbogigen Rahmen und eine segmentbogige Öffnung. Rahmen und Bekrönung sind mit Beschlagwerk verziert, auf der Bekrönung die Jahreszahl 1600 und Steinmetzzeichen. Darüber Wappen (Johann Eustachius von) Schlitz-Görtz und Riedesel. Der Flügel als solcher ist durch das innere Portal vom Turm in den Flügel hinein klar datiert, 1565.

Die Hoffront des Nordostflügels umschließt den Bergfried. Rechts vom Bergfried hat die Front drei Fensterachsen mit gekuppelten Fenstern, links eine schmale Achse aus einfachen Fenstern, dieses ist nur ein nachträglicher Zwickelbau, der in Zusammenhang mit dem Südwestflügel entstand. Fenster im Erdgeschoss mit Falz und Rundstab, in einen Karnies auslaufend, Voluten als Begrenzung des Profils wie am Südwestflügel. In den Obergeschossen Fenster mit Falz und Kehle. Die zweiachsige Ostgiebelfront entspricht dem Südgiebel des Südwestflügels. Auf der Nordseite wird der spätmittelalterliche Bauteil des Flügels durch eine Baunaht deutlich. Unregelmäßig drei Fensterachsen. Im 1. Obergeschoss zwei Aborterker, westlich der Baunaht Konsolen eines dritten. Zweiachsiger Zwerchgiebel mit einem Vollgeschoss und zwei Giebelgeschossen. Fenster mit Falz und Kehle profiliert. Das untere Giebelgeschoss hat ein gekuppeltes Fenster, Giebelkanten mit Schweifwerk und seitlichen Obelisken, oberes Giebelgeschoss mit S-Volute, der aber das obere eingerollte Volutenende fehlt. Rundfenster. Halbkreisaufsatz mit Rosette und drei Obelisken. Der Eingang in das Schloss befindet sich heute im Bergfried. Gestäbtes, spitzbogiges Sitznischenportal. Das Portal ist spitzbogig. Das Gewände hat unten spitz zulaufende Konsolen mit Kanneluren, diejenigen rechts auch mit Pfeifen, darüber Nischen und rechteckige Baldachinabschlüsse mit Wappenreliefs mit jeweils vier Wappen (bezeichnet 1565). Sie betreffen die Genealogie des Bauherren (links) und seiner Gemahlin v. d. Hees (rechts) und enthalten jeweils das eigene Wappen, das der Mutter und das der beiden Großeltern. Wappen links: 1. Herda zur Brandenburg, 2. Elkershausen gen. Knüppel, 3. Schlitz-Görtz, 4. Boyneburg. Wappen rechts: 1. Schutzbar gen. Milchling, 2. van der Hees, 3. von Buchenau, 4. von Breidenbach gen. Breidenstein. Die Hauptwappen sind die dem Eintretenden zugewandten mittleren. Sie betreffen somit Eustachius von Schlitz-Görtz (gestorben 1597), Erbmarschall des Stiftes Fulda, und seine Gemahlin Agnes van der Hees (gestorben 1577), verheiratet 1562. Kippenberger erwägt, dass die Wappen von Philipp Soldan geschaffen worden sein könnten. Der Bogen ist in spätgotischer Weise gestäbt. Ein Steinmetzzeichen vom Portal ähnelt einem Steinmetzzeichen des linken Flügels.

Aus der Halle hinter dem Portal führt seitlich je ein Portal in den angrenzenden Flügel. Beide Portale sind spitzbogig und haben mit Rundstab und Kehle gestäbte Gewände, das nach links führende Portal ist 1565 bezeichnet. Die Fenster des Bergfrieds entsprechen außen den Fenstern des Nordostflügels (Falz und Kehle), innen ist ihr Gewände gestäbt auf unterem Volutenabschluss.

Die Jahreszahl 1565 wiederholt sich innerhalb des Turmes im Erdgeschoss am gestäbten Portal in den Südwestflügel, die gleiche Gestaltung, ohne die Jahreszahl, zeigt im Erdgeschoss des Turms das Portal in den Nordostflügel. Die Fenster sind am Bergfried innen gestäbt. Der Bergfried ist etwa einen bis eineinhalb Meter über dem Fußboden des 2. Obergeschosses aufgestockt, wie an Baufugen im Innern und außen in etwas wechselnden Höhen deutlich wird. Eine weitere Baufuge ergibt sich über dem vierten Obergeschoss; der dann folgende Aufbau ist entweder spätmittelalterlich oder erst im 16. Jh. entstanden. Im Ausbauzustand des 16. Jh. enthielt der Nordostflügel im 2. Obergeschoss einen großen Saal und im 1. Obergeschoss Wohnräume, zu denen drei Schlafkammern mit Aborten gehörten; zwei davon bestanden bereits im Spätmittelalter. Küche und Hofstube befanden sich vermutlich im Erdgeschoss des Südwestflügels.

Die Zusammenziehung der beiden Baudaten 1565 und 1600 zu einer Bauzeit 1565-1600 (Dehio, Hessen, 1982, S. 783) ist unrichtig. Den Bauinschriften nach dürften beide Flügel um 1565 entstanden sein, während um 1600 lediglich eine Erneuerung stattfand.

Würdigung

Die Herren von Schlitz-Görtz gehörten als Erbmarschälle des Stiftes Fulda nicht zu den Dienstmannen der hessischen Landgrafen, so dass sich die Übernahme des ‚Landgrafengiebels‘ an den Bauteilen um 1565 nicht durch politische Verhältnisse erklären lässt. Bemerkenswert ist, dass in Schlitz das Renaissanceschloss in komplizierter Weise um den mittelalterlichen Bergfried herumgebaut wurde, den man nunmehr zum Treppenturm adaptierte. Stilistisch werden Formen der Renaissance nur an den Giebeln und den – grundsätzlich einfachen – Fenstern deutlich.

Literatur, Quellen

Kippenberger, Soldan, 1926, S. 20

Schlitz-Görtz, Schlitz, 1936, S. 25

Hofmann, Burgenring, 1965

Dehio, Hessen, 1982, S. 782 f.