Rotenburg (Fulda), ehem. Schloss

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Infobox
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Entstehungszeit: um 1570
Baumaßnahme: um 1610 Veränderungen,
um 1790 Abbruch des Ostflügels und weitgehender Neubau,
1977 Rekonstruktion der westlichen Treppentürme,
um 1986 moderner Innenausbau
Bauherr: Landgraf Wilhelm IV. von Hessen,
Landgraf Moritz der Gelehrte
Eigentümer: Land Hessen
Ort: Rotenburg an der Fulda
Kreis: Hersfeld-Rotenburg
Markierung
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Bezeichnung, Eigentümer, Kreis

Land Hessen. Landesfinanzschule. Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Bauherr, Grunddaten, Zustand

Landgraf Wilhelm IV. von Hessen und Landgraf Moritz der Gelehrte. Um 1570, verändert um 1610. Weitgehender Neubau um 1790, dabei Abbruch des Ostflügels. Rekonstruktion der westlichen Treppentürme 1977, moderner Innenausbau um 1986.

Geschichte

Um 800 im Besitz der Abtei Hersfeld genannt, unterstand Fulda den Schirmvögten der Abtei, im hohen Mittelalter den Grafen Giso. Deren Erben wurden die Landgrafen von Thüringen und ab 1248 die Landgrafen von Hessen. 1540 vermählte sich der bereits mit Christine von Sachsen verheiratete Landgraf Philipp der Großmütige hier in einer Nebenehe mit Margarethe von der Saale. Bei der hessischen Teilung 1567 gelangte Fulda an Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, ab 1627 war es bis 1834 Residenz einer eigenen Nebenlinie, der Rotenburger Quart.

Baugeschichtliche Bedeutung

Von der ehemaligen Vierflügelanlage zwischen Altstadt und Fulda hat sich nur noch der Südflügel in der Grundform des 16. Jh. erhalten, die anderen Flügel wurden barock beziehungsweise klassizistisch umgebaut, der Ostflügel abgebrochen. Westflügel und Nordflügel (Fuldaflügel) sind heute dreigeschossig, wobei die beiden unteren Geschosse auf das 16. Jh. zurückgehen dürften.

Der besser erhaltene Südflügel ist zweigeschossig und wird hofseits von zwei Treppentürmen eingefasst, der am östlichen Ende bediente ursprünglich auch den abgebrochenen Ostflügel. Die Hofseite ist zehnachsig, links und rechts Einzel-, sonst Doppelfenster im Obergeschoss, alle Fenster segmentbogig mit Scheitelstein, sie gehören zu einem barocken Umbau. Drei Zwerchgiebel, zwei schmalere über der 2. beziehungsweise 9. Fensterachse von links, ein breiterer mittig über der 5. und 6. Fensterachse; an den entsprechenden Stellen finden sich auch auf der Außenseite Zwerchgiebel. Im Erdgeschoss gibt es auf der Hofseite links (östlich) ein rechteckiges Portal mit profiliertem Gewände, rechteckigem leeren (Wappen-)Feld und Dreiecksgiebel. In der 3. Achse sitzt ein rundbogiges Portal mit rechteckigem Rahmen und Dreiecksgiebel. Das Gewände ist mit Diamantquadern versehen. In den Zwickeln Rundmedaillons. Ein entsprechendes Portal folgt in der 7. Achse. In der 9. Achse völlig abweichendes Portal mit breiten konischen Pilastern und schwerem Gebälk, bezeichnet 1622. Über dem Gebälk sitzen zwei breite Obelisken, in der Mitte ein beschlagwerkgerahmtes rundes Wappenmedaillon. Das Portal stammt vom kriegszerstörten Adelshof der Familie von Uffeln (Dehio, Hessen, 1982, S. 756, aber mit der falschen Jahreszahl 1572).

In den polygonalen Wendeltreppenturm führt ein rundbogiges Portal in rechteckigem Rahmen, mit Diamantquadern und Kämpfern. Das Bogenprofil ist mit einem leichten Falz versehen, der nur vom Scheitelstein durchbrochen wird. Gebälk und Dreiecksgiebel, im Giebel ein Inschriftband, bezeichnet 1571. Über dem Portal folgen fünf rechteckige Fenster, zwischen dem 2. und 3. Gesims auf den dem Hof zugewandten Polygonseiten, das oberste Fenster ist niedriger als die übrigen.

Die Zwerchgiebel bestehen aus einem rechteckigen Vollgeschoss mit einem beziehungsweise im mittleren zwei gekuppelten Fenstern und zwei Giebelgeschossen. Bei den schmalen Zwerchgiebeln hat das untere Giebelgeschoss ein Rechteckfenster und S-Voluten, das obere Giebelgeschoss ist fensterlos und hat C-Voluten sowie seitliche Kugelaufsätze. Halbkreisabschluss mit Kugel. Die Geschosse werden durch Gesimse getrennt. Bei den breiteren Giebeln hat das untere Geschoss ein gekuppeltes Fenster, seitlich Viertelkreisvoluten mit einem senkrechten Aufsatz, von zwei kleinen sockelartigen Pfeilern mit Kugelaufsätzen ganz außen gerahmt. Das obere Geschoss hat S-Voluten und seitliche Kugeln, die Giebelspitze entspricht den übrigen Zwerchgiebeln.

Das Innere wurde im 18. und erneut im 20. Jh. völlig erneuert. Die ursprüngliche Schlossanlage lässt sich teils aus Beschreibungen (Lucae), teils aus dem Grundriss der heutigen Anlage erschließen (vgl. W. Kramm, Schlossanlage, 1934). Ehemals handelte es sich um eine geschlossene Vierflügelanlage mit Treppentürmen in den Hofwinkeln. Sie entstand von 1570 bis 1610. Das Äußere war durch Giebel beziehungsweise Zwerchgiebel betont (Zeichnung von 1742 im StAM, Löwenstein, Schlossgarten, 1995, Abb. 1). Das Ostende des Nordflügels nahm die Schlosskapelle ein, von der Zeichnungen des Architekten Mangin von 1789 existieren, auf denen die Fassade, Grundriss und Gewölbe zu sehen sind. Die Schlosskapelle war dreigeschossig, also durch ein drittes Geschoss über dem übrigen Schlossbau erhoben, das oberste Geschoss war durch ein Gesims abgeteilt, das auf den anschließenden Treppenturm übersprang. Die Kapelle hatte eine einfenstrige und zwei doppelfenstrige Achsen, in der Mittelachse befand sich das Portal, rundbogig in rechteckigem Rahmen, mit Dreiecksgiebel. Der Zwerchgiebel über den beiden doppelfenstrigen Achsen besaß ein Vollgeschoss und zwei Giebelgeschosse, das untere hatte eine durch eine waagerechte unterbrochene S-Volute, das obere eine einfache S-Volute. Halbkreisabschluss. Das Innere war durch rechteckige Pfeiler in drei Schiffe unterteilt, die Seitenschiffe waren schmal und mit Emporen versehen. Kreuzgewölbe. Lucae (1700, Mskr., S. 50-56) nennt auf der östlichen Empore den ofenbeheizten Fürstenstand, auf der westlichen Empore die Orgel, an der Mitte der Nordseite Kanzel und Altar. Kramm (Schlosskapelle, 1937) ordnet die Kapelle als Bindeglied zwischen den Schlosskapellen von Stuttgart und Schmalkalden ein (vgl. D. Großmann, Schloßkapellen, 1990, S., 134 f.). Den heute gänzlich fehlenden Ostflügel rekonstruiert Kramm zweigeschossig mit gewölbtem Erdgeschoss und Arkadenvorbau. Eine Beschreibung des Chronisten Lucae lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Arkadenreihe im Erdgeschoss und eine Kolonnade im Obergeschoss gehandelt haben könnte, was Kramm mit Offenbach vergleicht.

Nach Lucae befand sich der Haupteingang immer im Westflügel. Eine Inschrift über dem Tor nennt auf der Außenseite neben Landgraf Ludwig II. (neuer Flügel um 1470) den Landgrafen Wilhelm als Begründer der Vierflügelanlage und seinen Sohn Moritz als deren Vollender, hofseits dazu das Baujahr 1610 (Lucae, 1700, Mskr., S. 75). Rechts im Winkel (d. i. im Südwesten) befindet sich ein Treppenturm, dessen Portal das Wappen Landgraf Wilhelms und seiner Gemahlin zeigt (Lucae, 1700, Mskr., S. 76). Der Südflügel ist zweigeschossig und enthält im unteren Geschoss zwei gewölbte Säle sowie mehrere Gemächer für Hofbedienstete. Größere Wohnräume befinden sich im Obergeschoss. Im Nordwesten des Schlosshofs befindet sich ein weiterer Treppenturm, diesmal mit dem Wappen von Moritz und seiner Gemahlin Juliane von Nassau. Dieser Flügel sei 1607 vollendet worden (Lucae, 1700, Mskr., S. 76). Der Nordflügel ruht auf starken Kellergewölben. Im Erdgeschoss enthält er die Herrenküche, im Obergeschoss herrschaftliche Wohnräume. Rechts (östlich) steht die Schlosskapelle. Über ihr befindet sich ein herausgehobener Raum, von Lucae als Speise- oder Triumphsaal bezeichnet (Lucae, 1700, Mskr., S. 76). Es folgt eine ausführliche Beschreibung der Ausstattung dieses Raumes, die aber teilweise erst nach 1650 (eine Inschrift nennt das Jahr 1651) entstand. Der vierte Flügel wird von zwei Treppentürmen eingefasst und erschließt die fürstlichen Säle und Wohngemächer (Lucae, 1700, Mskr., S. 86). Die beiden Treppentürme sind in Höhe des Obergeschosses durch eine schmale Galerie „auf der Morgenseite“ verbunden. Gemeint sein muss aber die Morgenseite des Schlosses, nicht die des Flügels. Im Folgenden beschreibt Lucae (Mskr., S. 87) die ionischen Arkaden und Gewölbe unter der Galerie, ferner die kleineren Säulen auf dem Geländer der Galerie, die ein Dach tragen. Die Ostseite entspricht höhenmäßig dem Kirchenbau, ist also in den unteren Geschossen etwas höher als die übrigen Flügel und hat ein 2. Obergeschoss. Die Bauzeichnung von 1789 (Mangin; Abb. bei Kramm, Schlossanlage, 1934, S. 181) zeigt dieses Geschoss nicht (mehr). „Zuunterst an dieser Morgenseite befindet sich der recht berühmte Ritter-Saal“ (Lucae, 1700, Mskr., S. 87 ff.), den Lucae unmittelbar mit dem Prager Saal vergleicht. Ein Portal unter der Galerie, datiert 1601, führt in den Saal.

Altar der Schlosskapelle. Von der zerstörten Schlosskapelle ist noch der in der Pfarrkirche befindliche Altartisch erhalten, den 1585 Wilhelm Vernukken schuf (Lucae; Kramm, Schlosskapelle; D. Großmann in: Bott/Großmann, Hessen, 1978). Die in Form eines Architravs gehaltene Altarplatte aus Alabaster ruhte auf sechs Alabastersäulchen mit einfachen Sockeln, deren Ecken abgeschrägt sind (Sockel wohl nicht ursprünglich). Die Säulenschäfte sind kanneliert und haben Pfeifen. Korinthisierende Kompositkapitelle. Marstall. Dreiflügelige nach Osten (zum Schloss hin) offene Hofanlage aus zweigeschossigen Massivbauten, der Nordflügel aus Fachwerk etwas niedriger, ein jüngerer Anbau, durch den eines der Tore beschnitten wird; nach Gebhardt (Gebhardt, 1977/2000) wohl bald nach 1619. Der Längsflügel hat in der Mitte und an den Seiten je ein Durchfahrts- oder Einfahrtstor, rundbogig in rechteckigem Rahmen mit seitlichen Pilastern, Architrav und flachem Dreiecksgiebel. Pilaster und Rundbogengewände sind rustiziert, bei den Pilastern wechseln über dem Diamantquadersockel kannelierte Pilasterstücke und aufgesetzte Diamantquader miteinander ab. Scheitelstein als Konsole mit einer Volute versehen. Toskanische Kapitelle. Das Tor hat auf der Außenseite ein entsprechend gegliedertes Portal, dort jedoch Sockel mit Beschlagwerk, in den Bogenzwickeln Rundmedaillons und ionische Kapitelle. Im Übrigen ist die Außenseite des Marstalls verbaut.

Auf der Hofseite Zwerchgiebel etwa in der Mitte des Zwischenraums zwischen den Toren, mit Vollgeschoss und zwei flachen Giebelgeschossen, das untere mit querovaler Öffnung. Seitlich S- beziehungsweise C-Voluten, Geschosse durch Gesimse getrennt. Abschluss durch Halbrosette mit Kugeln. Fenster mit Falz und Karnies, ursprünglich zumeist durch Mittelpfosten unterteilt.

Querbau mit breitgelagertem Giebel, unteres Giebelgeschoss mit Viertelkreisbögen und senkrechtem Aufsatz, mittleres Giebelgeschoss mit flacher S-Volute und oberes Giebelgeschoss mit C-Volute. Im mittleren Geschoss große rundbogige Öffnung mit rustizierter Rahmung, die Öffnung reicht bis in das obere Geschoss und unterbricht hier die Gesimstrennung, die sonst zwischen den Giebelgeschossen besteht. Halbkreisabschluss. Das Gebäude diente nach Lucae im Erdgeschoss als Pferdestall und Remise sowie im Obergeschoss als Kanzlei, Rentkammer und Amtsstube.

Würdigung

Rotenburg gehörte zu den bedeutendsten Schlossbauten der Renaissance in Hessen und war in seinem Vollendungsstadium im frühen 17. Jh. eine der regelmäßigsten Anlagen. Auch die bauliche Einrichtung mit einer Schlosskapelle und einem ungewöhnlicherweise ebenerdigen Festsaal unterstreicht den Rang des Schlosses. Durch die Umbauten und Zerstörungen bis hin zur jüngsten „Sanierung“ lässt sich die Bedeutung aber nur noch durch die Beschreibung bei Lucae nachvollziehen.

Literatur, Quellen

Staatsarchiv Marburg, 17 e 192 (Zeichnungen von Mangin, 1789), 17 e 64 (dort auch der Lageplan von Pfaff, 1742)

Winkelmann, Hessen, 1697, S. 266 f.

Lucae, Kleinod, 1700/1996

Kramm, Schlossanlage, 1934

Kramm, Schlosskapelle, 1937

D. Großmann, Kirchenbau, 1954 (Altar erstmals unter der Kanzel, an der Querseite)

Sante, Handbuch, 1976, S. 387-389

Ortmüller, Geschichte, 1970

Michler, Rotenburger Schloß, 1978

D. Großmann, Schloßkapellen, 1990

Löwenstein, Schlossgarten, 1995

Gebhardt, Marstall, 1977/2000